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| R.I.P. |
Hallo! Hier im Forum gab es in letzter Zeit recht lebhafte Diskussionen darüber, ob die Kühlflüssigkeit regelmäßig gewechselt werden muss. Von Befürworterseite wurde ursprünglich argumentiert, dass der Korrosinsschutz mit der Zeit nachließe. Nachdem das einigermaßen wirkungsvoll widerlegt werden konnte, hieß es von den Befürwortern regelmäßiger Wechsel (bzw. dem Befürworter, denn eigentlich war es nur einer), sie würde mit der Zeit "chemisch sauer". Ich habe da zwar nie wirklich dran geglaubt, habe mir aber vorgenommen, dem mal auf den Grund zu gehen. Wegen des Umfanges dieses speziellen Aspektes habe ich dafür ein neues Thema aufgemacht. Der Vater einer Freundin ist Doktor der Chemie. Er ist mittlerweile im Ruhestand und hat sein ganzes Berufsleben als Chemiker beim Henkel-Konzern im Nachbarort Düsseldorf zugebracht. Am letzten Sonntag waren wir mit ihm verabredet. Und es gab die Gelegenheit, dieses Thema mal zu besprechen. Dies auch in der Theorie. Und die sieht, kurz gefasst, so aus: Eine Chemiestunde: Der ph-Wert Eine Flüssigkeit wie Wasser kann in Richtung sauer tendieren oder in die Gegenrichtung alkalisch. Für sauer wird oft auch der Begriff Säure verwendet oder englisch acid; für akalisch gibt es die etwa gleichbedeutenden Wörter basisch bzw. Lauge. Wenn die Flüssigkeit keins von beiden ist, wird sie chemisch neutral oder auch ph-neutral genannt. Um das zu verdeutlichen, werden oft Skalen wie diese verwendet: ![]() Diese Skala ist eigentlich selbsterklärend: Die Mitte ist chemisch neutral, nach links geht es in Richtung Säure und nach rechts in Richtung Lauge. Je mehr man nach außen kommt, um so ausgeprägter wird der jeweilige Effekt. Um das zu testen, gibt es sogenannte ph-Teststreifen. Der chemische Stoff Lackmus ändert seine Farbe, wenn er mt Säuren oder Basen (= Laugen) in Kontakt kommt. Zum schnellen Test gibt es ein entsprechendes Papier, das auch Lackmuspapier oder einfach ph-Teststreifen genannt wird. Sie werden z.B. zur Untersuchung der Wasserqualität in Schwimmbecken oder aber auch Aquarien verwendet. Der Vater der Freundin gab mir gleich ein Päckchen mit. Das sieht aufgeklappt so aus: Links sind vier Reihen mit Streifen, die man einzeln abreißen kann. Insgesamt etwa 100 Stück. Rechts sind 14 Farbfelder. Die mittleren Farben Nr. 7 und 8 stellen den chemisch neutralen Bereich dar. Links in Richtung rot geht es in Richtung sauer, rechts nach dunkelviolett in Richtung alkalisch. Der Test geschieht, indem man einen Streifen abreißt, ihn in die zu prüfende Flüssigkeit hält, kurz wartet und schließlich mit den Farben der Farbskala vergleicht. Dann weiß man, was man in diesem Sinne für eine Flüssigkeit vor sich hat. Weil ich mit derartigen ph-Teststreifen völlig unerfahren bin, habe ich erstmal damit experimentiert, um damit vertraut zu werden. Erster Versuch: Ganz normales Leitungswasser, ganz frisch aus dem Wasserhahn: Nach dem Eintauchen sieht der ph-Teststreifen so aus: Auf der Farbskala entspricht das etwa der Farbe 7. Das konnte man so auch erwarten. Glück gehabt: Keine Säure in unserem Leitungswasser :-). Den nächsten Versuch habe ich mit Orangensaft Hohes C gemacht: Der Teststriefen sieht nach dem Eintauchen in den O-Saft so aus: Das entspricht etwa der Farbe 4. Bedeutet: Ganz klarer Trend in Richtung sauer. Das hatte ich wegen der in Fruchtsäften bekanntlich vorhanden Fruchtsäure auch so etwartet, nur nicht so stark. Im nächsten Versuch habe ich eine milde Wachmittellösung (ein wenig Waschpulver in Wasser verrührt), das Ganze auch Seifenlauge genannt. Aus dem Wort Seifenlauge kann man schon erahnen, in welche Richtung der chemische Trend gehen wird: alkalisch Die Farbe des Papiers war danch nach meinem Augenmaß zwischen 11 und 12: Ganz klar alkalisch. Vorherige Vermutung bestätigt Einen letzten Versuch habe ich dann noch gemacht: Mit Essigessenz. Zu erwarten war ein stärker saures Verhalten: Stimmt. In etwa Farbe 2. Also ausgeprägter saurer als der O-Saft. Resultat dieser Versuche: Die Handhabung ist einfach, und dem Ergebnis kann man trauen. Jetzt zum Test der Kühlflüssigkeit meines AEX-Golf 3. Die Historie des Kühlmittels dieses Autos sieht folgendermaßen aus: Bekanntlich habe ich dieses Auto am 01.09.1995 als Neuwagen bekommen. Er ist also 20 Jahre, 5 Monate und 2 Tage alt. Ich bin der einzige, der jemals am Kühlsystem dieses Autos etwas gemacht hat. Die Kühlflüssigkeit (VW G11 = die blau/grüne) ist noch die erste; sie wurde noch nie gewechselt. Am Kühlsystem habe ich insgesamt folgendes gemacht: Einmal bei einem Zahnriemenwechsel die Pumpe getauscht. Zweimal habe ich das Thermostat wechslen müssen, und einmal beide Federbandschellen der Schläuche am Kühler, weil sie stärker verrostet waren. Bei diesen vier Reparaturen habe ich die austretende Kühlflüssigkeit immer aufgefangen und nach der Reparatur durch ein Teesieb wieder eingefüllt. Nur den sehr geringen Anteil, der daneben gelaufen ist, habe ich durch ein Gemisch Wasser 1:1 mit VW G11 und später, als es G11 nicht mehr gab, BASF G48 ersetzt. Insgesamt bei allen vier Reparaturen musste ich weniger als 1 Liter neue Kühlflüssigkeit einfüllen. Hinzu kommt ein Nachfüllen von jeweils ca. 0.1 Liter bei den jährlichen Wartungen. Heute habe ich mit einer 60 ml Spritze etwas Kühlflüssigkeit abgesaugt. Dabei war es mir ganz wichtig, das unmittelbar nach einer ca. 8 km langen Fahrt zu machen. Denn irgendwelche Schwebstoffe, verursacht durch Abrieb oder was weiß ich, sollten keine Gelegenheit haben, sich auf dem Boden abzusetzen. Dazu hatte ich vor der Fahrt in der Garage schon alles vorgereitet: Spritze, DigiCam und Brille lagen griffbereit. Zwischen dem Abstellen des Motors und dem Absaugen der Kühlflüssigkeit lagen weniger als 60 Sekunden: Im Haus habe ich die gerade abgesaugte Kühlflüssigkeit in ein Glas umgefüllt: Und sie dann erstmal einem optischen Check unterzogen: Bis auf ein winziges Krümelchen, das in der Flüssigkeit schwamm, war nichts zu sehen. Wie man auf den Fotos bestens sehen kann, gibt es keinerlei Braunfärbung, die auf Rost im Kühlsystem schließen lassen würde. Und zwar überhaupt keine. Insgesamt sieht diese Kühlflüssigkeit genau so aus wie die neue, die ich in ganz geringen Mengen bei der jährlichen Wartung nachfülle. Doch das eigentlich Spannende kommt ja erst noch: Der ph-Test. Der Teststreifen sah nach dem Eintauchen in meine Kühlflüssigkeit so aus: Die Farbe entspricht etwa Farbe 8 bis 9 auf der Sakla. Demjenigen, der diesen Beitrag von Anfang an gelesen hat, muss ich vermutlich nicht mehr erklären, was das bedeutet: Die Kühlflüssigkeit ist chemisch neutral und das sogar mit einer ganz leichten Tendenz in Richtung alkalisch. Nur über einen Punkt war ich noch etwas verunsichert: Es hätte ja theoretisch sein können, dass die Einfärbung des Teststreifens nicht durch den ph-Wert, sondern durch die blaugrüne Färbung der Kühlflüssigkeit entstanden ist. Um das zu untersuchen, habe ich einen grauen und ansonsten farbneutralen Streifen aus normaler Pappe geschnitten und zum Vergleich ebenfalls in die Kühlflüssigkeit eingetaucht. Ergebnis siehe Foto: Der Pappstreifen ist am rechten Ende zwar dunkeler, weil er dort nass ist. Von einer Einfärbung in Richtung grün oder blau ist aber nichts zu sehen. Damit ist für mich bewiesen, dass die Färbung des Teststreifens durch den ph-Wert der Kühlflüssigkeit erfolgt ist. Ich wiederhole es hier noch einmal: Die Kühlflüssigkeit ist über 20 Jahre alt! Ich hoffe sehr, hier mal endgültig mit den Buhmanngeschichten aufgeräumt zu haben, dass die Kühlflüssigkeit beim Golf 3 "chemisch sauer" wird und deshalb regelmäßig gewechselt werden muss. Vorausgesetzt dabei ist natürlich, dass ein richtiges Mischungsverhältnis von Wasser und von VW vorgeschriebenem Kühlmittelzusatz eingefüllt ist. Dieselben Versuche habe ich auch mit der Kühlflüssigkeit meines Golf Variant gemacht, der wegen seines Baujahres 1998 ursprünglich VW G12 eingefüllt hatte. Im Jahr 2003 habe ich einen neuen Kühler eingebaut und deshalb laut VW-Vorschrift explizit für so einen Fall die gesamte Kühlflüssigkeit erneuert. Gegen ein 1:1-Gemisch von Wasser und G12 Plus, das damals aktuell war. Diese Kühlflüssigkeit ist jetzt also etwa 13 Jahre alt. Die Ergebnisse sind absolut dieselben wie in diesem Beitrag beschrieben. Ich hoffe sehr, dass es mir erspart bleibt, dass hier auch noch mit Fotos etc. zu dokumentieren, weil das nicht wenig Arbeit ist. Auf der anderen Seite hat es sich aber auch gelohnt, weil ich mal wieder viel gelernt habe. Und das hier gerne weitergebe. Freundliche Grüße Teletubby Geändert von Teletubby (03.02.2016 um 22:05 Uhr) | |||
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